+49 (0) 4342.7286054

Risiko und der Mut zur Demut

Tags dieses Artikels:
Paradigmenwechsel, Risikomanagement, Strategie

Seit ein paar Wochen hält ein unaussprechlicher isländischer Vulkan Europa in Atem – oder ist es eher ein Atemstillstand? Welche wirtschaftlichen Auswirkungen das mittelfristig haben wird, wird man sehen. Spannend finde ich das Ereignis aber auch aus der Perspektive des Risikomanagements.
Dabei meine ich gar nicht den tatsächlichen Umgang mit der Krise, sondern das, was sich daran offenbart. Das wilde Flügelschlagen, die heißen Diskussionen, das Hin- und wieder Her-Entscheiden zeigen vor allem, dass mit dem Eintritt dieses Risikos niemand ernsthaft gerechnet hat.
Damit steht der Vulkanausbruch in der Reihe der Naturkatastrophen nicht allein. Sie sind als Risiken „groß“ in dem Sinne, dass sie großen Schaden anrichten. Sie sind eventuell durch entsprechende Warnsysteme (Tsunami) vorhersagbar, wenn man rechtzeitig welche entwickelt. Und sie sind so selten wie eine Mondfinsternis, so dass man nur über wenig Erfahrung im Umgang mit Ihnen verfügt. Das wäre Grund genug, sie in den Risikotabellen von Unternehmen und Behörden einen prominenten Platz einnehmen zu lassen. Das klappt manchmal – bei der Vogel-/ Schweinegrippe sind ja mal alle aufgestanden wie ein Mann, und hinterher zu sagen, so schlimm war es ja gar nicht, ist unfair, weil man nie wissen wird, wie schlimm es geworden wäre, wenn man nichts getan hätte – aber das klappt längst nicht immer. Ansonsten wird bei Risiken dieser Art gern so verfahren, wie es die Regeln der Kunst gerade nicht lehren: Anstatt sich den schlimmsten anzunehmenden Fall (Murphy!) vorzunehmen, schaut man, von den theoretischen Ausmaßen erschreckt, nur rasch hin, redet sich ein: „Ach, wenn das passiert, fällt uns schon was ein!“ und versucht, sich das zu glauben.
Eyjafjallajökull war ja noch freundlich. Nur Asche. Und kurz. Was aber, wenn sich ein Ereignis wie 1783 wiederholt, mit monatelang wabernden Giftwolken? Sind wir vorbereitet? Doch wohl eher nicht. Niemand fordert, wir sollten jetzt prophylaktisch in Panik geraten und 80 Millionen Gasmasken und passende Schwefelfilter ordern. Das ist ja das Perfide an den seltenen Ereignissen, dass eigentlich jede vorbeugende Maßnahme übertrieben scheint, bis es zu spät ist. Aber sich Gedanken machen, was man tun kann im Falle des Falles, das könnte man. Welche Informationen man braucht, wie man an sie gelangt, wer sie bewertet und wonach, das sind Fragen, die sich vorab klären lassen. Und sicher gibt es auch den einen oder anderen Maßnahmenplan, der nicht viel kostet und im Ernstfall sofort umgesetzt werden kann.
Dazu aber gehört Mut zur Demut, zu der Einsicht nämlich, dass wir der Natur immer noch – trotz allen Fortschritts – ausgeliefert sind, Mut dazu, sich das Ausmaß möglicher Katastrophen vorzustellen und eben zu erkennen: „Nein, dagegen können wir nichts machen. Und schon die Begrenzung der Schäden wird im Falle eines Falles schwer genug.“ Und der Mut, sich lächerlich zu machen in den Augen derer, die glauben, „es werde schon nicht so weit kommen“.
Nehmen wir einmal an, der Laki oder der Katla brechen aus. Unwahrscheinlich?? Mag sein, aber auch das Unwahrscheinliche kann uns heute treffen. Wird dann die Bevölkerung aufgefordert, in Häusern und Wohnungen zu bleiben und die Fenster und Türen geschlossen zu halten? Wird dann über ungesunden CO2-Gehalt von Innenraumluft im Verhältnis zur Außenluft debattiert werden? Über steigende Scheidungsraten bei aufeinander hockenden Ehepaaren? Und wird dann nach ein paar Tagen „die Wirtschaft“ ihre Arbeitskräfte einfordern, auch wenn denen von den Schwefelgasen ab und an schlecht wird? Und vor allem: Welche Entscheidung wird dann wohl getroffen??
In Produktionsstätten, die mit gesundheitsschädlichen Substanzen arbeiten, gilt für den Fall eines Stoffaustritts: „Fliehen Sie quer zur herrschenden Windrichtung“. Nun denn. Afrika, wir kommen!